Einführung zur Ausstellung
-MENSCHENBILDER- 2010
Dr. Antonia Wunderlich Kunsthistorikerin
Wolfgang Eckardt ist ein Künstler, der mit seinen Bildern ein Stück Realität auf eine besondere Art und Weise in die Gegenwart holt. Eckardts Bilder, seien es die Fotografien oder die Gemälde, machen etwas sichtbar, das ohne das Bild nicht vorhanden wäre.
„ Machen etwas sichtbar, das ohne das Bild nicht vorhanden wäre.“ Hm. Zeigen nicht Bilder immer Ausschnitte aus der Realität, also Abbilder, Spuren von Dingen, die auch ohne Bild da sind? Sind nicht Bilder so eine Art Kescher, mit dem wir aus den Phänomenen der Welt diejenigen herausfischen können, die uns bemerkenswert erscheinen?
Ja und nein. Natürlich haben die Personen in diesem Tableau hier am Eingang in einem kurzen Moment tatsächlich vor der Kamera gestanden, natürlich laufen sie wirklich irgendwo herum und könnten von uns wieder erkannt werden. Aber das Bild ist ja nicht die abgebildete Person! Wir vergessen so schnell das Bild als Bild, unser Blick flutscht einfach durch das „Bild-Sein“, wenn man so will, hindurch. Interessant, das wäre bei einem Musikstück oder bei einem Roman ganz unmöglich, einfach das Medium zu vergessen, in dem uns etwas präsentiert wird. Muss also mit Besonderheiten des Bildes zusammen hängen.
Es gibt eine sehr treffende Anekdote, die mal dem einen, mal dem anderen Maler der klassischen Moderne zugeschrieben wird: Nehmen wir heute Franz Marc, der diese wunderbaren gelben oder blauen Kühe und Pferde gemalt hat. Auf einer Vernissage, so die Geschichte, wurde Marc von einer empörten Dame angesprochen, so, wie auf seinen Bildern, sähen doch Pferde nun wirklich nicht aus. Darauf antwortete der Künstler: „Madame, dies ist kein Pferd, dies ist ein Bild!“ Diese Geschichte sorgt zuverlässig für Lacher, wahrscheinlich, weil sich jeder ein bisschen ertappt fühlt und weil sie zeigt, wie schwer es uns fällt, Bilder zunächst einmal einfach als Bilder zu sehen.
Das Bild von Franz Marc ist zugleich weniger als das Pferd und mehr. Weniger, weil es eben kein Pferd ist, sondern lediglich eins zeigt. Das Pferd ist nicht das Bild, sondern das Bildobjekt, sagen die Bildwissenschaftler, und Bildobjekte sind zwar sichtbar, haben aber keine weiteren physikalischen Eigenschaften. Sie werden nicht nass, wenn’s im Bild regnet, sie altern nicht, wenn das Bild altert, und sie verstauben nicht auf dem Dachboden.
Und zugleich ist das Bild mehr als das reale Pferd, weil es Atmosphärisches in sich trägt, Licht und Schatten, Farbtönungen und Kontraste, Perspektiven und Ausschnitte präsentiert. Man könnte sagen: weil das Bild eine neue, eigene Realität vor unsere Augen stellt, eben in Form eines Bildes. Und diese Realität ist gestaltet vom Künstler, der damit unsere Wahrnehmung in viel stärkerem Maße lenkt, als wir im Allgemeinen gern von uns glauben würden.
Vielleicht macht gerade dieses Erschaffen einer neuen, eigenen Realität den Reiz des Bilderproduzierens aus. Wolfgang Eckardt arbeitet als Fotograf, um beim Beispiel zu bleiben, mit den echten Pferden als Auslöser für die Lust am Bildermachen. Da gibt es, wie in diesen Arbeiten hier, eine Performance, die ungewöhnliche Settings schafft, und ein Mensch wie Wolfgang Eckardt hat natürlich in seinem Schauen auf diese Settings seinen inneren Bildgenerator immer mitlaufen. Den winzigen Moment, den er mit seiner Kamera einfängt, hat niemand anders so erlebt wie er, niemand stand an exakt derselben Stelle, niemand hat genau in demselben Augenblick auf den Auslöser gedrückt. Das Sichtbar-Machen des ohne Bild nicht Vorhandenen, von dem eben die Rede war, ist so gemeint – andere haben vielleicht dieselbe Performance gesehen, aber nicht dieselben Bilder.
Noch deutlicher wird diese Bilder-Spürnase bei den Baumbildern, die dort oben hängen. Kleine Ausschnitte aus Zweigen und Ästen hat Eckardt formatfüllend aufgenommen und in der Nachbearbeitung ihres Hintergrundes beraubt. Die Baumteile selbst sind zwar unverändert geblieben, und doch wäre es ein mühsames visuelles Puzzle, wenn man Original und Bild einander zuordnen müsste. Die Fundstücke, die Eckardt während zweier Wochen auf La Gomera gesucht und entdeckt hat, verändern ihr Wesen in dem Moment, in dem sie zum Bild werden. Die Grenze zwischen Realismus und Abstraktion verwischt sich, die Größenverhältnisse gehen verloren, die Räumlichkeit wird modifiziert. All dies tun Bilder immer, einige mehr, andere weniger. Wenn wir es schaffen, unseren so bildgewöhnten, ja sogar bildgesättigten Blick für einen Moment ein wenig unschuldiger schauen zu lassen, nicht ganz so selbstverständlich anzunehmen, dass das Bild einfach nur wie ein Fenster den Blick frei gibt auf die Welt, dann können wir uns der Arbeit des Künstlers nähern. Wolfgang Eckardt macht Bilder, das scheint keine große Sache zu sein. Aber Wolfgang Eckardt erzeugt auch Realitäten, und die bereichern unseren Blick auf die Welt, wenn wir sie lassen. Wenn wir sie ernst nehmen als das, was sie sind, und nicht einfach durch sie hindurchschauen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen inspirierenden Ausstellungsbesuch!
05.12.2010